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„Es gibt noch so vieles zu entdecken und zu erforschen!“ – Prof. Dr. Eßig (UniBW) im Interview

Prof. EßigIn der öffentlichen Beschaffungs- und Vergabeszene gehört Univ.-Prof. Dr. rer. pol. Michael Eßig an der Universität der Bundeswehr München seit vielen Jahren zum „Kernbestand“ wichtiger Persönlichkeiten, denen es immer lohnt, zuzuhören. Mit betriebswirtschaftlichem Hintergrund verfolgt Prof. Eßig einen im zumeist rechtlich diskutierten Kontext erfrischenden interdisziplinären Ansatz im Vergabewesen und ist Experte in den Bereichen des strategischen Beschaffungs- und Supply Chain Managements.

Vergabeblog: Sehr geehrter Herr Prof. Eßig, in der „öffentlichen Beschaffungs- und Vergabeszene“ sind Sie außerordentlich bekannt und als Experte überaus geschätzt. Dem Deutschen Vergabenetzwerk (DVNW) sind Sie von Beginn an dankenswerter sehr verbunden. Seit vielen Jahren werben Sie dafür, dass die öffentliche Beschaffung sich weiter professionalisieren muss, um den immer weiter gestiegenen Anforderungen gerecht zu werden. Ohne zu generalisieren versteht sich, aber wo sehen sie die entscheidenden Defizite in der öffentlichen Beschaffung?

Eßig: Zuallererst sehe ich die öffentliche Beschaffung bei weitem nicht so kritisch, wie das in der öffentlichen Berichterstattung teilweise den Eindruck macht. Ich empfand teilweise die Diskussion im letzten Jahr unfair und sachlich nichtzutreffend. Im Gegenteil: Zum einen gibt es viele außerordentlich engagierte Mitstreiter/innen für ein modernes öffentliches Beschaffungsmanagement und eine breite Fachdiskussion – wozu nicht zuletzt das DVNW einen wichtigen Beitrag leistet. Zum zweiten ist unsere These, dass öffentliche Beschaffung in einem sehr komplexen Umfeld mit herausfordernden Rahmenbedingungen arbeiten muss: Es geht um „Best Value for Taxpayers Money“ im Sinne der Wirtschaftlichkeit, die Beachtung vielfältiger vergabe- und haushaltsrechtlicher Vorgaben (inklusive zukünftig aus Onlinezugangsgesetz und ggfs. Lieferkettengesetz) sowie um den Beitrag der öffentlichen Beschaffung zur Erfüllung politisch-strategischer Ziele wie Innovationsförderung, Wirtschaftlichkeit und Kreislaufwirtschaft, KMU- und Startup-Förderung, Digitalisierung und vieles andere mehr. Dies führt teilweise zu Zielkonflikten und macht eine deutlich intensivere Auseinandersetzung mit den Beschaffungsmärkten und mit (potenziellen neuen) Lieferanten erforderlich. Daher brauchen wir unbedingt nicht nur die Verankerung strategischer Ziele auf der normativen Ebene, sondern die Schaffung „echter“ Beschaffungsstrategien. Es genügt m.E. nicht, Zielvorgaben als „Appelle“ zu formulieren, sondern wir müssen den Vergabestellen die Instrumente und Ressourcen an die Hand geben, dies mit Leben zu füllen. Natürlich gibt es Reformbedarfe, aber der Schwerpunkt liegt eindeutig auf der Implementierung!

Vergabeblog: Welche Gegenmaßnahmen schlagen Sie vor?

Eßig: Die Reformbedarfe werden ja durchaus bereits diskutiert. Natürlich lässt sich vergaberechtlich optimieren, aber alle beteiligten Institutionen sind sich – so zumindest mein Eindruck – einig, dass jetzt die Aufwertung und der Ausbau der tatsächlich beschaffenden Organisationseinheiten erfolgen muss. So hat bspw. die EU ein „European competency framework for public procurement professionals“ mit konkreten Aus- und Weiterbildungsprofilen für strategische öffentliche Einkäufer/innen vorgestellt und die OECD in einer Studie für das BMWi Vorschläge für eine konkrete Weiterentwicklung der deutschen Vergabelandschaft gemacht. Mit den Erfahrungen der Pandemie, dass eine funktionierende öffentliche Beschaffung in unser aller Interesse ist, gilt es jetzt, dieses Momentum zu nutzen: Warum nicht die Vergabestelle zu einer strategischen Einkaufsfunktion weiterentwickeln? Warum nicht die Stellen einer bzw. eines „Chief Procurement Officers“ in den Organisationen auf kommunaler, Landes- und Bundesebene schaffen und entsprechend organisatorisch aufwerten? Warum nicht die Berufsbilder im Sinne einer/eines strategischen öffentlichen Einkäufer/in und/oder einer/eines Vergabeprozessspezialist/in ausbauen? Warum nicht über die verpflichtende Verabschiedung und Veröffentlichung von Beschaffungsstrategien nachdenken? Warum nicht Organisationsveränderungen anstoßen, die die öffentliche Beschaffung viel früher bereits bei der Bedarfsentstehung in den Einkaufsprozess involvieren („Early Purchasing Involvement“)? Warum nicht die operativen Aufgaben weitgehend (digital) automatisieren, bspw. über Smart Contracts?

An vielen dieser Stellen wird gearbeitet, daher bin ich optimistisch – vielleicht brauchen wir aber so etwas wie das „Big Picture“, wohin das alles führen soll. Helmut Schmidt hat zwar mal gesagt, wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen, aber vielleicht würde das in diesem Fall doch zumindest ein wenig helfen…

Vergabeblog: Sind letztlich Jobs in der öffentlichen Beschaffung nicht selten deswegen „Ladenhüter“, da Verantwortung und Vergütung auseinanderfallen?

Eßig: Das steckt genau in den genannten Vorschlägen – bei öffentlicher Beschaffung reden wir eben über viel, viel mehr als über einen reinen Verwaltungsakt. Es geht darum, gut einzukaufen! Die faire und transparente Bearbeitung und Abwicklung ist ein wichtiger Bestandteil davon, aber eben nicht nur. Sie haben sehr nett vom Auseinanderfallen von Verantwortung und Vergütung gesprochen – in der Tat: Wenn öffentliche Beschaffung so eine große Verantwortung bedeutet, müssen wir die handelnden Personen qualitativ und quantitativ entsprechend ausstatten – und vergüten!

Vergabeblog: Die Reform des europäischen Vergaberechts 2014 liegt nun bereits einige Jahre zurück. Im letzten Jahr konnte man deutlich den Ruf nach einer „Optimierung“ des europäischen Vergaberechtsrahmens seitens des Bundes hören (siehe hier Interview mit Dr. Steinberg (BMWi)). Welche Optimierungsbedarf sehen sie auch wirtschaftswissenschaftlicher Sicht?

Eßig: Tatsächlich finde ich das wirtschaftswissenschaftliche Verständnis insbesondere des Wirtschaftlichkeitsbegriffes im Vergaberecht durchaus wieder – da gibt es m.E. keinen Widerspruch. Die Frage ist nur, ob es in der Praxis so auch gelebt werden kann. Wir haben ja viele Instrumente und Ansatzpunkte, bspw. sind Leistungs- bzw. Qualitätswettbewerbe (sowohl in „üblichen“ Verfahren als auch bspw. über Innovationspartnerschaften) oder die Berücksichtigung strategischer Kostenelemente (Stichwort Lebenszykluskosten) schon heute vergaberechtlich möglich. Aber bekommen die Vergabestellen die Ressourcen und die Rückendeckung, das auch ein- und durchführen zu können? Das geht m.E. nur über die bereits angesprochene strategische Aufwertung. Der amerikanische Wirtschaftswissenschaftler Alfred D. Chandler hat die Idee des „Structure follows Strategy“ geprägt: Wenn wir Strategien implementieren wollen, müssen wir die Organisation entsprechend ausrichten – was für uns in der öffentlichen Beschaffung bedeutet: Wir sollten Innovation, Digitalisierung und Nachhaltigkeit nicht nur als Beschaffungsziele normativ formulieren, sondern die öffentliche Beschaffung strukturell aufwerten. Und die öffentlichen Beschaffungsprofis sollten sich in die Diskussion auch auf politischer Ebene aktiv einbringen!

Vergabeblog: Zum Abschluss noch etwas persönlicher gefragt. Wann und warum haben Sie begonnen sich mit öffentlicher Beschaffung zu befassen? Könnten Sie der Idee etwas abgewinnen, auch wenn nicht zur Rede stehend, selbst praktisch in der öffentlichen Beschaffung tätig zu sein?

Eßig: Als ich als junger Doktorand 1994 an die Uni kam, wollte ich eigentlich im Bereich des Marketing arbeiten und forschen. Mein damaliger Doktorvater Prof. Dr. Ulli Arnold hat mich überzeugt, dass Einkauf und Beschaffung sehr lohnende Betätigungsfelder sind – was ich bis heute nicht bereut habe. Er hat damals auch schon mit dem öffentlichen Sektor gearbeitet und nach meinem Wechsel an die Universität der Bundeswehr München 2003 haben wir das sukzessive auf- und ausgebaut. Das ist zwar für einen Betriebswirt exotisch, aber ich habe es nie bereut – im Gegenteil: Die Aufgaben und Herausforderungen sind ausgesprochen spannend und ich komme in Kontakt mit vielen Menschen und Institutionen, welche für uns alle als Bürger/innen viel leisten. Gleichzeitig gibt es noch so vieles zu entdecken und zu erforschen! Da wäre es sehr vermessen zu sagen, ob ich damit für die Praxis überhaupt noch tauglich bin – wir bemühen uns jedenfalls sehr, zu verstehen, was die öffentliche Beschaffung tatsächlich umtreibt und dürfen da sehr viel lernen. Auch vom DVNW!

Vergabeblog: Sehr geehrter Herr Prof. Eßig, wir danken sehr für das Gespräch!

Anmerkung der Redaktion

Das Interview führte Jan Buchholz vom DVNW.
Informationen zu den von Prof. Eßig angesprochenen Professionalisierungsmaßnahmen finden Sie hier:

– OECD: Öffentliche Beschaffung in Deutschland erfolgreich reformiert – mit Nachholbedarf

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